Als das Glück kommerzialisiert wurde

kindheit in der konsumgesellschaft

Erziehung in der Konsumgesellschaft

Wenn ich mich umhöre unter Mamas und Papas, was sie sich für die Zukunft ihrer Kinder wünschen, dann lautet die Antwort stets: „Dass sie glücklich sind“.

Blöde Frage. Natürlich sollen sie glücklich sein. Das reicht völlig.

Ach wirklich?

Bei Eltern erwachsener Kinder klingt die Antwort schon ein wenig anders. Sie würden es zwar nie laut aussprechen, aber wir alle wissen doch: So richtig stolz sind Eltern erst dann, wenn aus ihren Kinder etwas Anständiges geworden ist.

Geld = Erfolg = Bedeutung = Glück

Und aus Kindern ist selbstverständlich erst dann etwas geworden, wenn sie es beruflich zu was gebracht haben. Dass sie von ihrem Gehalt nicht nur irgendwie über die Runden kommen, sondern sich auch etwas Prestigeträchtiges davon kaufen können, um zu zeigen: „Ich bin wer. Meine Eltern haben alles richtig gemacht.“

Zugegeben, ich übertreibe ein wenig. Nicht alle Eltern ticken so. Doch man kann den Wunsch vieler Eltern nach einem guten Auskommen ihres Nachwuchses durchaus verstehen: Schließlich haben sie über Jahre viel Zeit, Energie und Geld in ihre Kinder gesteckt.

Dass ihr spendables Verhalten nicht völlig selbstlos war, liegt auf der Hand: Ihr Kind soll nicht nur glücklich sein, sondern auch glücklich bleiben. Da die Idee vom Glück jedoch längst kommerzialisiert wurde, bedeutet das:

Nur wer Geld hat, kann glücklich sein.

Als Eltern ist man somit in der Pflicht, den Nachwuchs auf eine möglichst erfolgreiche Karriere vorzubereiten. Oder ihm zumindest den Weg dorthin zu ebnen.

Womit wir wieder beim gut bezahlten Job wären.

Gut bezahlt zu werden, ist nämlich ein Indiz für Erfolg. Erfolg wiederum verleiht Bedeutung. Was könnte einen Menschen glücklicher machen?

Geld macht nicht glücklich? -Von wegen!

Der Spruch „Geld macht nicht glücklich“ hat an Relevanz verloren. In die Praxis lässt er sich nur noch von Idealisten übertragen. Trotzdem hat mein Artikel über die nichtkommerzielle Erziehung hohe Wellen geschlagen. Darüber hinaus werden immer mehr Blogs von Müttern ins Leben gerufen, die sich dem „Green Parenting“ verschreiben.

„Ökos“ hat man sie einst verächtlich genannt und – ja – auch ich habe ihre seltsam esoterisch anmutende Kleidung früher belächelt. In letzter Zeit sieht man die Leute in den flatternden Leinengewändern allerdings nur noch selten. Man muss sich nicht mehr öko kleiden, um öko zu sein.

Offenbar geht es vielen Müttern und Vätern ebenso sehr auf die Nerven wie mir, dass Glück mit Geld verwechselt wird.

Die Schattenseiten des Geldverdienens: der kollektive Burnout

Denn seien wir ehrlich: Nur weil ein Job gut bezahlt wird, muss er längst keinen Spaß machen – geschweige denn Sinn stiftend sein.

Doch vielleicht wäre es genau das, was viele Menschen glücklich macht? Nicht das Geld, sondern die Tätigkeit an sich. Oder im Umkehrschluss: Wie viele Männer und Frauen leiden unter Burnout und Depressionen, obwohl es ihnen finanziell gesehen ganz ausgezeichnet geht?

Ein Kind auf die Suche nach sich selbst zu schicken, damit es genau diese Tätigkeit oder dieses Talent findet: Ist das nicht eigentlich die Aufgabe der Eltern? Sollten wir nicht viel eher stolz darauf sein, wenn sich unsere Kinder der Sinnhaftigkeit widmen, und nicht (nur) dem Geldverdienen?


Es gibt da diese eine Szene in der Serie „Mr. Robot“, als der Protagonist & Hacker von einem globalen Konzern als Sicherheitsberater angeheuert wird:

„Bei uns kriegen Sie ein Jahresgehalt von mehreren Millionen Dollar“, heißt es da sinngemäß. Doch der Hacker lehnt ab – aus moralischen Gründen.

Idealistischer Hollywood-Kitsch, ich weiß. 🙂 Schön wäre es trotzdem, wenn es normal wäre, dass Menschen ihre Berufswahl nicht auf den Gehaltswunsch reduzierten.


(K)ein Entrinnen?

Ja, es ist erwiesen, dass Geld auch viel mit gesellschaftlicher Teilhabe zu tun hat. Oder eben mit Ausgrenzung. Wer nicht mithalten kann, wird ausgeschlossen. Stellt sich die Frage: Will ich überhaupt dazugehören?

Ganz ehrlich, wenn ich meine Tochter aus der Kita abhole und dort dieses eine kleine Mädchen sehe, das mit ausgeleierten Second-Hand-Klamotten herumläuft, erscheint mir das wie ein Lichtblick. Die Kleine sticht so heraus aus all den Eisköniginnen und Superhelden, dass mir das Herz aufgeht!

Irgendwann wird sie allerdings realisieren, dass sie anders aussieht. Und wenn ihre Eltern nicht mit entsprechendem Vorbild vorangegangen sind, wird sie sich dem Druck der Mehrheit beugen. Gerade Teenager haben das unbändige Verlangen, dazuzugehören. Ob das nun aktuelle Modetrends betrifft oder die neuesten technischen Geräte. -Wobei Letztere zumindest die Möglichkeit bieten, sich zu informieren, Kontakte aufzubauen – und zu halten. Verzichten können weder wir noch unsere Kinder auf Smartphones oder Notebooks.

Doch wie will man vermeiden, dass Folgendes passiert?: Dass Kinder bzw. Jugendliche ihren Selbstwert nicht aus sich selbst ziehen, sondern künstlich mit Konsumgütern aufwerten müssen?

Meine Lösung: Vertrauen statt Erziehen

Da ich weder Pädagogin noch Psychologin bin, kann ich hier nur Vermutungen anstellen… Ich glaube auch nicht, dass sich eine Geisteshaltung anerziehen lässt. Darauf muss unser Nachwuchs wohl selber kommen.

Obwohl… ich hätte da zumindest die eine oder andere Buchempfehlung 😉 Vielleicht platziere ich mal ganz zufällig „No Logo“ und „Wie viele Sklaven halten Sie“ auf dem Nachtschränkchen, hihi.

Wie oben erwähnt, ist es mit Sicherheit von Vorteil, wenn man als Eltern selbst ein gutes Vorbild abgibt. „Shoppen“ als Hobby zu zelebrieren, ist wahrscheinlich kontraproduktiv, wenn man seinen Nachwuchs zu konsumkritischen Individuen erziehen will.

Ebenso wenig sollten Eltern jeden Wunsch ihrer Kinder erfüllen. Die Kleinen wissen zwar ganz genau, was sie wollen und sind sehr vehement in ihren Wunschäußerungen. Was wirklich gut für sie ist, wissen Kinder allerdings nicht.

Ich für meinen Teil muss ja auch andauernd mit mir selbst kämpfen: Es gibt so viele tolle Dinge zu kaufen! Was denkst du, wie viel Disziplin es mich kostet, da zu widerstehen! Und ich widerstehe nicht immer… Gerade was Klamotten angeht könnte ich tatsächlich shoppen bis die Kreditkarte glüht. 😉

Dummerweise bin ich kurze Zeit nach dem Einkauf genau so unzufrieden wie zuvor, denn es ist nie genug. Egal wie viel ich kaufe.

 

Ich freue mich auf euer Feedback!

LG Anne!!!


Mehr zum Thema:

  • „Erziehung in der Wohlstandsgesellschaft“ heißt eine Publikation der Konrad-Adenauer-Stiftung, die sich dem Thema sehr ausführlich widmet, dabei jedoch nie belehrend den Zeigefinger erhebt.
  • Zum Neujahr widmete sich der Radiosender radioeins den ganzen Tag dem Thema „Raus & weg“. Die Beiträge zum Ausstieg gibt’s hier zum Nachhören.

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