Kindesmissbrauch: Wie kann man so etwas nur tun?

ein Gastbeitrag von Lucyna Wronska, Dipl.-Psychologin

Jede Familie hat ihre eigene Geschichte

Die dargestellten Zusammenhänge liefern Antworten auf die häufig gestellten Fragen:

  • Wie kann ein „normaler“ Mann so etwas tun?
  • Wieso merkt die Mutter nichts?
  • Warum teilt sich das Kind (u.U. lange Zeit) nicht mit?

Familiendynamik als Ursache und Motor für den Missbrauch

In den Medien wird des Öfteren über „Missbrauchsfamilien“ berichtet.

Der Begriff ist einengend, stigmatisierend und wird der Dynamik des Missbrauchs in den Familien nicht gerecht. Es gibt nicht „Die Missbrauchsfamilie“, sondern viele verschiedene Konstellationen, die zu Missbrauch führen können.

Wesentliche Aspekte können sein:
  • Überforderung
  • Abbruch des Kontaktes untereinander
  • fehlende Generationsschranken und
  • Mangel an Intimität

Dabei hat jede Familie ihre eigene Geschichte von zusammenwirkenden Bedingungen.

Außer der in der Folge beschriebenen gibt es weitere Bedingungskonstellationen, für die entsprechend andere Erklärungen greifen. In der unten stehenden Schilderung soll eine in unserer Gesellschaft relativ häufige Konstellation von Familien, in denen es zu Missbrauch kommt, dargestellt werden. Diese Konstellation ist jedoch nur ein Beispiel für Bedingungs- und Entstehungsfaktoren eines sexuellen Übergriffs. Sie soll die Perspektiven der Mutter, des Vater und des Kindes deutlich werden lassen.

Ein Beispiel

Zwei junge Menschen verlieben sich und hoffen, bei dem Gegenüber einen Schutz vor den Härten des Lebens zu finden. Sie schwören sich, bessere Eltern zu werden, als die, die sie selbst erfahren haben.

In den Anfängen des Miteinanders wird ihnen nicht rechtzeitig bewusst, dass sie im Alltag nicht die erwünschte tragende Partnerschaft leben, die das Fundament für die kompetente Elternschaft bilden würde.

Eine Person – häufiger ist das der Mann – geht ins Arbeitsleben, versorgt die junge Familie finanziell, beteiligt sich abends an der Kindererziehung und am Wochenende an der Hausarbeit. Er erfährt viel Anerkennung in der Umgebung und in den Anfängen der Elternschaft ist die Mutter dem Beschützer und Ernährer dankbar. Ihre Leistung zuhause erlebt sie abgewertet und mit zunehmendem Alter des Kindes kommt sie sich als Mutter unzulänglich vor. Sie verspürt eine wachsende Unzufriedenheit über die Partnerschaft und fängt an, Groll, Konkurrenz und Enttäuschung in Bezug auf den Partner zu verspüren.

Sie versucht, ihre Stimmungen und Erkenntnisse mit dem Ehemann zu besprechen, aber diese Versuche verursachen bei ihm nur Trennungspanik und er verschiebt die Beziehungsklärung immer auf später. Die Eheleute entfernen sich unmerklich voneinander. Sie verlässt abends zunehmend das Haus, um Kontakte, Anerkennung und Aufmerksamkeit zu erhalten, die er – entkräftet, überfordert und in Selbstmitleid versinkend – ihr nicht geben kann. Der Mann gerät im Betrieb und zu Hause in eine Selbstwertkrise, er versteht die Zusammenhänge nicht, fühlt sich ausgenutzt und missverstanden.

Er sucht und erhält den Trost bei der Tochter und im Alkohol. Die Tochter wird zunehmend von beiden Elternteilen parentifiziert – also unbewusst in die Elternrolle gedrängt. Sie übernimmt immer mehr Aufgaben, ist die tröstende, zuhörende Instanz.

Die unzufriedene, häufig schimpfende Mutter, die emotional bedürftig ist, wird dem Kind und dem Vater immer fremder und bedrohlicher. Sie misshandelt emotional, fängt an, das Kind zu vernachlässigen. Der emotional bedürftige Vater wertet die Tochter auf, kreiert sie älter, kraftvoller, als sie ist. So entsteht eine Allianz „zwei gegen einen“.

Alle spüren, dass die Familie von Unglück, Einsamkeit und von einer gestörten Nähe-Distanz-Balance geprägt ist, können dies aber nicht kommunizieren, weil der jetzige Zustand in den Eltern das schmerzlich Erlebte aus den beiden Herkunftsfamilien aktualisiert. Das Versagen, das im Widerspruch steht zu den unreifen Schwüren, eine Traumfamilie zu gestalten, darf nicht öffentlich werden. Die Familie wird damit zu einer paranoiden Festung. Nichts darf nach außen dringen: das Auseinanderleben, die Alkoholerkrankung des Vaters, die am Tage innerliche und abends faktische Abwesenheit der Mutter. Die Tochter wird in eine Spirale aus Unheimlichkeit und Geheimhaltung hineingesogen – die Personen können selbst nicht einordnen, was sie tun, und statt Hilfephantasien werden bedrohliche Bilder vom Auseinanderbrechen der Familie heraufbeschworen.

Die Eltern sind so in Trennungsängsten verfangen, dass sie keine alternativen Lebensentwürfe zu dem jetzigen Zustand entwickeln können. Dieses Grundgefühl übertragen sie auf die Tochter, die bereit ist, alles dafür zu tun, die Familie zusammenzuhalten. Wie viele Kinder verbindet sie sich mit dem vermeintlich schwächeren Part in der Familie.

Der Vater sucht körperliche Nähe zu der Tochter, die tröstlich ist. Die körperliche Nähe betrifft anfangs häufig den fürsorglich, versorgenden, pflegerischen Teil: die Tochter putzt dem Vater die Nase, der Vater streichelt die Tochter mit viel Hingabe.

Er überschreitet langsam die körperlichen Grenzen des Kindes bis hin zu sexuellen Berührungen. Diese können zunächst für die Tochter auch angenehm sein. Die Tatsache, dass sie ihn nicht wegstößt („Wenn ich jetzt was dagegen sage, hört er vielleicht ganz auf, mich zu streicheln?!“) stärkt den Vater in seinen narzisstischen Sehnsüchten.

Die immer mal wieder auftauchenden inneren Widerstände und Zweifel werden durch das schwache Ich weggedrängt. Er produziert Rationalisierungen und Verleugnungen: „Ich mache das nur einmal!“ „Das wird ihr schon nicht schaden.“ „Sie scheint es zu wünschen.“ „Wir teilen doch sonst alles.“ „Sie kriegt gar nicht richtig mit, was ich tue.“ „Ich bin sonst nur schlecht dran, warum soll mir nicht auch einmal was gegönnt sein?“

Die Tochter bleibt in diffusen Gefühlen gefangen: zwischen Mitgefühl für den Vater und Zorn und Sehnsucht in Bezug auf die Mutter. Sie kann dem Vater keinen Widerstand bieten. Sie kann nicht zur Mutter mit ihrem Geheimnis, denn es ist ihr nicht vorstellbar der „fremderen“ Person in der Familie vermutlich Schlechtes über die „vertrautere“ Person in der Familie zu erzählen. Das käme ihr unpassend und wie ein ungeheurer Verrat vor.

Die Mutter ist in ihrem Unglück gefangen, unfähig, in die Allianz einzudringen, die ihr Mann mit der Tochter verbindet.

Sie empfindet die Tochter teilweise feindlich und verräterisch und verhält sich entsprechend ihr gegenüber. Das kann in dem Kind Rachegefühle auslösen.

Die Tochter ist innerlich verbunden mit dem Vater, sie kann mit ihm fühlen. Gleichzeitig ist sie angeekelt. Auch durch Informationen von außen kann ihr zunehmend bewusst werden, dass der Vater etwas Verbotenes tut. So kann sich aus dem Wunsch, den Vater zu schützen, die Allianz vertiefen. Auch die antizipierte und befürchtete Frage, warum sie das nicht früher erzählt habe, verstärkt die Hemmung, sich nach außen zu öffnen.

Damit delegiert der Vater die Verantwortung für die Situation an die Tochter und die Frau. All die unerträglichen Gefühle von Scham, Schuld und Selbstekel projiziert er auf die in seinem Empfinden stärkeren Personen. Er erlebt sich als Opfer der schwierigen Verhältnisse, besetzt damit die Rolle des Opfers in der Familie, zu der sich die Tochter verhalten muss.

Die Tatsache, dass in dieser Familie die Verhaltenstendenzen gegenseitig bestätigt und verstärkt werden, bedeutet nicht, dass der sexuelle Missbrauch in dieser Familienkonstellation eine zwangsläufige und unausweichliche Konsequenz ist!

Die Erwachsenen haben in jeder Situation des Geschehens Entscheidungsfreiräume und es ist ihre Verantwortung, ob sie diese wahrnehmen oder nicht.


Dieser Gastbeitrag ist eine Ergänzung zum Artikel „Kein Spielzeug„, der Fakten zum Missbrauch von Kindern nennt und für den Frau Wronska als Interviewpartnerin zur Verfügung stand.

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