Unschön?: Mamas im Schlabberlook

Mamas im Schlabberlook

Willkommen bei den Schluffis

Es glich einem Trauerspiel mitanzusehen, wie die junge Frau in High-Heels durch den Sand stakste, um zu ihrem dort spielenden Söhnchen zu gelangen. Eine Spielplatz-Szene, wie ich sie seither nicht mehr zu Gesicht bekommen habe. Denn die meisten Eltern kleiden sich „den Umständen entsprechend“ pragmatisch. Ich ebenfalls. Besonders in Herbst und Winter ist mir mein Wohlbefinden tausendmal mehr wert als mein Aussehen.

Es macht keinen Sinn, dein Kind in hochhackigen Schuhen zum Spielplatz zu geleiten. Ebenso unsinnig ist es, ein weißes Kleid zu tragen, wenn du mit deinen Kids Eis Essen gehst! Es macht noch nicht einmal Spaß, weil du a) ständig damit beschäftigt bist, Flecken zu vermeiden und b) wie ein Paradiesvogel aus der grauen Masse herausstichst. Zudem kommt bei mir oft das Gefühl auf, verkleidet zu sein, wenn ich mich anders anziehe als üblich.

Wir Deutschen sind nicht eben bekannt für einen originellen Modestil.

Die meisten Eltern haben keinen Bock mehr aufs Styling

Dafür kenne ich jede Menge Mamis, die in Outdoor-Klamotten herumlaufen, sommers wie winters. Ich bewundere sie dafür, weil ich es als Ausdruck absoluter Genügsamkeit werte. Und wenn ich etwas schätze, dann sind es die uneitlen Menschen. Jene, die keinen Wert auf ihr Äußeres legen und keinen Status zur Schau stellen.

Nehmen wir Mark Zuckerberg, den Facebook-Gründer: Obwohl er superreich und einflussreich ist, trägt er stets Hoodys und Badelatschen – und adelt damit den Schluffilook.

Apropos Schluffilook: Ob frühmorgens oder nachmittags, wenn ich zur Kita komme, begegne ich fast ausschließlich schlampig angezogenen Menschen. Da gibt es zum einen die ErzieherInnen, die natürlich allwettertauglich gekleidet sein müssen. Schließlich sind sie oft mit den Kindern draußen, stehen und bewegen sich viel. Morgenkreis, Sportunterricht und Babys Füttern erfordern darüber hinaus bequeme Kleidung, auf der Flecken nicht sofort auffallen.

Aber auch die Outfits der meisten Eltern unterscheiden sich kaum davon. Nicht wenige kommen im Jogginganzug. Mittlerweile nennt sich der Schlabberlook ja Loungewear und kostet bisweilen ganz schön viel Geld. Aber sieht er auch gut aus?

Jaja, ich weiß: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“

Die Vorteile des Schlabberlooks sind nicht von der Hand zu weisen

Eigentlich weiß ich es durchaus zu schätzen, dass ich nicht unter dem Druck stehe, gut auszusehen – dass dieser Druck in Deutschland generell (einige wenige Branchen ausgenommen) nicht existiert. Ich finde es fantastisch, mich nicht schminken zu müssen! Von Make-Up kriege ich nämlich Pickel. Abgesehen davon bin ich zu faul für das morgendliche Schminkprozedere…

Nicht zu vergessen das viele Geld, das ich durch meine Mode-Abstinenz spare! So kann ich meinen Kindern guten Gewissens diverse Hobbys ermöglichen und wunderbare Reisen unternehmen.

Bringt es denn was, sich besser zu kleiden?

Wozu überhaupt gut aussehen? Für wen denn, bitte?

Die Partnersuche ist ohnehin erfolgreich abgeschlossen. Ansonsten scheint’s ja keinen zu interessieren, wie du herumläufst. Allein der Umstand, Mutter zu sein, macht mich in den Augen der meisten Männer unsichtbar. Da bringt es auch nichts, mich aufzubrezeln. Der Ausdruck MILF (Mom I’d Like to Fuck) sagt doch schon alles: Du bist nicht mehr irgendeine (sexy) Frau, sondern eine Mami.

Stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch von der Männerwelt wahrgenommen werden will, wenn man doch schon Ehefrau und Mutter ist. Womit wir wieder bei der Frage nach dem Wozu eigentlich…? wären: Wozu also den figurbetonten Mantel anziehen, anstelle der Outdoor-Winterjacke?

Sich am Anblick der Anderen erfreuen und selbst eine Freude bereiten

Mittlerweile gehe ich einmal in der Woche zu den Proben unseres lokalen Gospelchors. Was mir sofort ins Auge stach, waren die Röcke der Chorleiterin. Mit Sicherheit nicht die originellsten, aber immerhin Röcke. Die sieht man an hiesigen Frauenbeinen nämlich fast gar nicht mehr. Dadurch unterstreicht die Chorleiterin ihre Rolle als Leiterin, denn ihre Kleider und Röcke lassen sie gleich ein wenig würdevoller erscheinen.

Die Männer des Chors hingegen, keiner jünger als 50, tragen klassische Hemden. Mal einen Mann zu sehen, der kein T-Shirt, keine Sweatjacke trägt, ist so selten geworden, dass es mich gleich ein wenig verwundert hat. Das Konventionelle ist unkonventionell geworden. Du fragst dich plötzlich, weshalb die sich extra für die Chorproben so schick anziehen…

Aus unerfindlichen Gründen freut es mich, wenn ich Leute sehe, die mit Hilfe ihrer Kleidung mehr aus sich machen. Im Umkehrschluss reagiere ich tatsächlich ein wenig bestürzt, wenn sich Bekannte komplett gehenlassen. Wie die eine Berlinerin, die schon seit Jahren einen Herrenhaarschnitt trägt, die Haare grau, obwohl sie keine Vierzig ist. Dazu Latzhosen und Wanderschuhe, natürlich kein Make-Up.

Sowas beeinflusst mich ja auch. Wenn meine Mitmenschen schluffig herumrennen, dann passe ich mich natürlich an. Ich schreibe das als freiberufliche Texterin, die von zu Hause aus arbeitet. Nicht mal fürs Büro muss ich mich aufhübschen, kein Make-Up auflegen, keine feine Bluse anziehen. Obwohl ich mich eher zu den uneitlen Menschen zähle, bedaure ich das ein wenig.

Es ist schade, auf jedwede Fraulichkeit und Eleganz zu verzichten. Mode ist mehr als Kleidung. Sie ist eine Form der Kommunikation. Oder, wie die Elle schreibt, „eine subtile Sprache“. Wie wir uns kleiden, sagt viel über uns aus. –Zum Beispiel, dass wir (modisch) resigniert haben, schreibt wiederum die Zeit:

Es fehlt in Deutschland der Stolz, mit dem der italienische Kioskbesitzer sich selbstverständlich wie ein Graf zu kleiden versteht. Weit davon entfernt, eine klassenlose Gesellschaft zu sein, bildet Deutschland eine Gemeinschaft ängstlicher Untertanen, die sich auch modisch wegducken: nämlich vor dem Zusammenhang von Mode und Gesellschaftsstruktur, der dem deutschen Egalitarismus widerspricht.

Also doch lieber in High-Heels über den Spielplatz stolpern und bei Minusgraden im Röcklein frieren? -Das erscheint mir nicht weniger lächerlich. Hach, ich bin hin- und hergerissen!

Was meint ihr: Sollten wir Mamas doch mehr Mode wagen? (Hier sind übrigens auch die Männer gefragt: Wie gefällt auch Frau/Mutter am besten???)

Wozu sich aufhübschen? -Was sind eure Gründe?

Ich freu‘ mich über jeden Kommentar! 🙂

LG Anne!!!

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