Trotz Elternschaft Paar bleiben: eine Herausforderung!

„Alte Beziehungsgewohnheiten werden auf den Kopf gestellt“

Vom Liebes- zum Elternpaar: Ein Interview mit dem Paartherapeuten Peter Michalik
frisch verliebt & (noch) kinderlos

frisch verliebt & (noch) kinderlos

In meiner Blogparade „Eltern werden – Paar bleiben“, die ich zusammen mit Peter Michalik von Beziehungs-ABC* durchgeführt habe, wurden viele wunderbare Artikel über die Evolution vom Liebes- zum Elternpaar geschrieben. Dabei sind sehr persönliche Erfahrungen und Anekdoten verbloggt worden – mit open end. Denn das Thema ist schier unerschöpflich und ein Patentrezept für einen reibungslosen Übergang vom Paar zur Familie gibt es nicht.

Im Interview mit topElternblogs spricht der Diplomierte Familien-, Paar- und Eheberater Peter Michalik nicht nur über die Veränderungen in der Beziehung zwischen Partnern, sobald sie Eltern werden. Sondern auch darüber, was passieren kann, wenn die Kinder flügge werden. Welche Hilfe von einer Paarberatung zu erwarten ist – und ob man sie sich überhaupt leisten kann, verrät er ebenfalls:


topE: im Roman „Quasikristalle“ von Eva Menasse heißt es zum Thema Familiengründung: „Alles hat sich verändert, und keiner gibt es zu. Das ist rührend, und die Bedingung dafür, dass alle durchhalten.“

Welche Veränderungen in der Beziehung sind am signifikantesten, sobald die Elternschaft beginnt? Ist die Verleugnung der Veränderungen tatsächlich der beste Weg, um mit dem neuen Beziehungsstatus auszukommen?

P.M.: Paare merken sehr schnell, dass sie für sich als Paar kaum mehr Zeit finden. Alles dreht sich um das neue Familienmitglied. Und selbst wenn mal Zeit wäre, ist man aufgrund des Schlafmangels zu erschöpft. Das Sexleben hat kaum mehr Raum: Die Frau muss sich evtl. von den Strapazen der Geburt erholen, ist zu erschöpft und hat mehr als genug Körperkontakt mit dem Baby. Es sind daher eher die Männer, die in der ersten Zeit unter dem veränderten Sexleben leiden. Aber eigentlich wäre körperliche Nähe und Geborgenheit für beide Partner unglaublich wichtig. Man muss halt neue Formen der körperlichen Nähe finden…

Beziehungsgewohnheiten können sich ändern

Beziehungsgewohnheiten können sich ändern

Verleugnung ist nie ein guter Weg. Es geht eher darum, die Veränderungen anzunehmen, zu akzeptieren, dass es eine Lebensphase ist, welche die alten Beziehungsformen und –gewohnheiten auf den Kopf stellen. Wenn man offen und ehrlich mit diesen Veränderungen umgeht, kann man gemeinsam neue Wege finden – z.B. einen Weg, dass man trotzdem etwas Zeit für sich als Paar findet oder eben andere Formen von Zärtlichkeitsaustausch… Viele Paare erleben durch die Elternschaft ja auch neue schöne Seiten: Sie lernen sich von einer neuen Seite als Vater oder Mutter kennen, sie entdecken eine neue Liebe zum Kind, sie erkennen wie verantwortungsvoll sie selber sein können,…

topE: In der Blogparade „Eltern werden, Paar bleiben“ haben einige Teilnehmerinnen vom Rückfall in alte Rollenmuster berichtet. Können diese hilfreich sein?

P.M.: Mit Rückfall in alte Rollenmuster ist wohl gemeint, dass die Frau zuhause bleibt und der Mann für den finanziellen Unterhalt zuständig wird. Diese Rollenmuster bedeuten tatsächlich für Frauen, die finanziell unabhängig waren und in Berufen tätig waren, die sie erfüllten, häufig einen „Rückfall“. Tatsächlich muss man als Frau einiges aufgeben, wenn man Mutter wird und sich um Kind und Haushalt kümmert, v.a. die wirtschaftliche und emotionale Unabhängigkeit. Ich persönlich habe das aber als Mann nicht anders erlebt, als ich bei unseren Kindern zeitweise mehrheitlich für die Hausarbeit und Kinderbetreuung zuständig war. Zusätzlich war ich als Mann noch mit unschönen Vorurteilen konfrontiert: z.B. wurde ich von Nachbarn gefragt, ob ich denn arbeitslos sei (wohlgemerkt war ich mit 3 Kindern beschäftigt, die Kleinste waren da grad knapp 5 Monate…). Paare, die andere Rollenaufteilungen wählen als die traditionellen sind daher mit (anderen) Hindernissen konfrontiert. Es gibt viele Paare, die gerne eine stärkere Aufgabenteilung möchten, aber aufgrund der Arbeitssituation oder möglichen finanziellen Einbußen gar keine andere Lösung finden. Daher ist eine traditionelle Rollenaufteilung oft auch eher eine Notlösung. Ich persönlich erlebe eine Aufteilung der Rollen Elternschaft – Arbeit als sehr bereichernd, da so beide Partner sehr genau wissen, was es heisst Kinder aufzuziehen – und glauben Sie mir, oft ist es eine Erholung zur Arbeit fahren zu dürfen… So haben beide Partner viel Verständnis für die geleistete Arbeit des anderen. Und die Kinder profitieren natürlich auch.

topE: Gibt es Paare, die prädestiniert dafür sind, für immer zusammenzubleiben? Welche Eigenschaften bringen diese Paare mit?

P.M.: Es gibt Paare, die ein Leben lang zusammenbleiben, aber im Grund todunglücklich sind oder sich sogar gegenseitig verabscheuen und nur noch schikanieren. Andere bleiben zusammen, weil sie nichts anderes kennen, meinen sie könnten es sich finanziell nicht leisten, weil sie zu bequem sind oder Angst vor dem Alleinsein haben. – Es ist also kein „Qualitätsmerkmal“ möglichst lange oder auf immer zusammenzubleiben! Viel wichtiger ist doch, dass beide Partner mehrheitlich glücklich sind, sich in der Beziehung wohlfühlen, solidarisch miteinander umgehen und sich selber sein dürfen.

„Es gibt keine langjährige Partnerschaft ohne Krisen.“

Langjährige und mehrheitlich zufriedene Beziehungsjahre erleben Paare, die es immer wieder schaffen trotz der anstehenden Veränderungen und Entwicklungen, die z.B. mit dem Kinderhaben einhergehen und die man auch persönlich durchmacht, aufeinander zuzugehen und einander einzubeziehen. Hilfreich ist dabei sicherlich eine offene Gesprächskultur, die zulässt, dass man über Schwierigkeiten und Probleme spricht. Es gibt keine langjährige Partnerschaft ohne Krisen. Zentral ist aber wie man mit den Krisen umgeht. Sich in Krisenzeiten Hilfe durch gute Freunde oder auch eine Fachperson einzuholen kann sehr wertvoll sein. – Niemand kann permanent „über sich selber stehen“ und eigene Schattenseiten und Schwächen immer erkennen – selbst Paarberater nicht 😉 . Da braucht es manchmal einen Seitenhieb von Außen!

topE: Wem empfehlen Sie eine Paarberatung?

P.M.: Eine Paarberatung kann in allen möglichen Fällen hilfreich sein. Nur dann nicht, wenn man eigentlich nichts verändern will! Ich habe Paare, die in schweren Krisen stecken, weil z.B. ein Partner fremdging oder das Paar bereits kurz vor der Trennung steht. Andere merken, dass sie einander im alltäglichen Trott aus den Augen verlieren und möchten aktiv etwas für ihre Partnerschaft tun. Eine Paarberatung kann also vom „Wellnessbereich“ bis zur Krisenintervention gehen. Zentral ist aber, wie gesagt, dass man eine Bereitschaft aufbringen möchte, etwas zu verändern. D.h. nicht unbedingt, dass das von beiden Partnern gerade schon in der ersten Sitzung vorhanden sein muss; im Gegenteil, oft kommt ein Paar nur auf Wunsch eines Partners zu mir. Aber spätestens vor dem Verlassen meiner Praxisräume sollten beide Partner einsehen, dass es eine Veränderung braucht und beide ihren Anteil dazu beitragen. Erstaunlicherweise ist das fast nach allen Erstgesprächen der Fall…

topE: Ist eine solche Beratung eher etwas für Besserverdiener? –Mit welchen Kosten für die Paartherapie muss man rechnen?

P.M.: Ein klares Nein. Der Durchschnitt in unserer Praxis liegt bei 4-5 Sitzungen. Je nach Stundenansatz ist das weniger als eine Versicherung für ein Auto kostet. Mit dem großen Unterschied, dass die Paare längerfristig davon profitieren können, wenn sie das wirklich möchten.

Das Ziel einer Paarberatung ist nicht das Paar zu „reparieren“ sondern das Paar zu befähigen die Qualität ihrer Beziehung zu steigern. Machen muss es jedoch das Paar. Unsere Erfahrung ist: Allein die Tatsache, dass die Klienten einen Betrag zahlen, erhöht die Bereitschaft für das Ergebnis auch etwas zu tun.

„Der Preis eine Partnerschaft aufrechtzuerhalten kann manchmal sehr hoch sein.“

topE: „Vielleicht ist es besser, Sie gehen demnächst getrennte Wege!“ Haben Sie auch schon eine solche Empfehlung ausgesprochen?

Nicht als Vorschlag, aber als Frage. Und in der Tat passiert es manchmal, dass einer der Partner dann sagen kann: „Ja, ich will wirklich nicht mehr.“ Und diese Aussage kommt dann nicht als die große Überraschung. Sie haben jemand gebraucht, der diese Frage stellt. Es lag schon lange im Raum, nur war das Paar oder der eine Partner nicht fähig, dieses Thema offen anzusprechen. Dann kann so eine Aussage auch wie eine Erleichterung wirken: Endlich ist es ausgesprochen, endlich klar. Das macht es nicht unbedingt weniger schmerzhaft, aber der Leidensweg ist damit eher absehbar.

Es ist tatsächlich bei manchen Paaren so, dass das Feuer erloschen ist, und die Bereitschaft es wieder zu entfachen gegen Null tendiert. Dann ist es besser, getrennte Wege zu gehen. Insbesondere dann, wenn die beiden Partner sich gegenseitig nur noch unglücklich machen. Der Preis eine Partnerschaft aufrechtzuerhalten kann manchmal sehr hoch sein!

topE: Wenn die Kinder erwachsen sind und ausziehen, bricht für Manchen ein Gerüst zusammen. Müssen sich Paare dann neu (er-)finden?

P.M.: Auf jeden Fall. Eine Familie zu managen, ist eine zeitlich intensive Herausforderung für beide Partner. Wenn auf einmal diese Aufgabe nicht mehr da ist, bricht tatsächlich für einige Paare ein Gerüst zusammen. Vor allem dann, wenn die Partner in den letzten Jahren nur noch als Team (Elternteam) funktioniert haben, und es vernachlässigt haben ein Paar zu bleiben. Dann kann es passieren, dass plötzlich zwei sich fremdgewordene Menschen ihre Zukunft neu entdecken und definieren müssen. Es ist eine Chance, aber auch eine Herausforderung, der sich nicht alle Paare stellen wollen. Paare, die sich jetzt trennen, begründen dies oft so: „Die Kinder sind erwachsen, jetzt bin ich dran.“ – „Ich habe die letzten Jahre nur funktioniert.“ – „Wir haben es verpasst ein Paar zu bleiben.“


Eine Paarberatung oder -therapie ist nichts Exotisches mehr

Wer oder was ist Beziehungs-ABC?:

Beziehungen und ihre Qualität entscheiden darüber, ob wir glücklich oder unglücklich sind. Beziehungs-ABC ist ein Blog, der verschiedene Beziehungsformen (Partnerschaft, Eltern-Kind-Beziehungen usw.) beleuchtet und hilfreiches Material zum Lesen und Vertiefen bietet: Fachartikel, Anleitungen zu Selbstreflexionen, Medienempfehlungen, hilfreiche Downloads u.v.m.

Quelle: www.beziehungs-abc.ch

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