Zum Statussymbol avanciert – die Küche

#MitmachMittwoch No. 21: Welche Rolle spielt die Küche in eurer Familie?

Culinarium>> nennt sich das Museum im Berliner Stadtteil Dahlem, in das ich mich kürzlich verirrt habe. Hier dreht sich alles ums Essen, vor allem um die Herkunft der Lebensmittel, ihre Verwendung und ihre Nährstoffe. Das alles ist mehr für Kinder und Jugendliche gemacht als für Erwachsene. Sie erfahren per animierten Tischgesprächen, Videos und Spielen, wie noch vor hundert Jahren unsere Felder bewirtschaftet wurden, was eine Erbswurst ist und weshalb wir heutzutage zur Dickleibigkeit neigen.

Hochgeschätzt, aber selten genutzt: Die Küche

Hängen geblieben ist bei mir vor allem eine Erkenntnis, die das Museum zutage förderte: Gekocht wird immer weniger. Der Trend geht zum außer Haus Essen, zumeist Fast Food. Dabei investieren wir Deutschen mehr Geld in Einbauküchen und Küchengeräte denn je zuvor.

water-kitchen-black-designWirklich gebraucht werden die Hightech-Küchen vor allem, um die zahlreichen Mixer, Brotschneidemaschinen, Eierkocher, Sandwich-Maker, Mikrowelle und so weiter unterzubringen. Und um zu zeigen, was man hat. Die Küche ist ein Statussymbol geworden – besser gesagt „Des Deutschen neuer Porsche>>“, wie die Welt im gleichnamigen Artikel schreibt.

Die Nummer Eins an Prestigeobjekten sei immer noch das Auto, schreibt die Zeitung weiter. Doch schon an zweiter Stelle komme die Küche, die tatsächlich ebenso viel kosten kann wie Erstgenanntes, wenn man denn auf eine Marke im Luxussegment zurückgreift.

Verwundert bin ich nicht über diese Art der Aufwertung. Obwohl ich ungern koche, verbringe ich viel Zeit in meiner Küche. Sie ist mir der liebste Ort in meiner Wohnung. Das sehen viele offenbar genauso. Gäste werden mittlerweile in die Küche geführt, die oft eine Einheit mit dem Wohnzimmer bildet. Hier sitzt man, erzählt, isst – und zeigt, wie viel man investiert hat.

Eigentlich ist es dann nur folgerichtig, dass die Küche besonders gut aussehen soll. Trotzdem wäre mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass die Küche zum Statussymbol avanciert sind, hätte ich den Artikel in der Welt nicht gelesen. Noch nie wurde ich nach der Marke meiner Küchenmöbel gefragt – und auch mir wäre nie in den Sinn gekommen, jemanden mit dieser Frage zu behelligen. Warum auch?

Wenn wir in wenigen Wochen in unser neues Haus ziehen, werde ich den Kredit bestimmt nicht aufstocken, um in eine Luxus-Einbauküche zu investieren. Ich habe mir bereits 2nd-Hand-Möbel organisiert, die ursprünglich von Ikea stammen. Einen Ofen werde ich mir wohl noch über ebay Kleinanzeigen besorgen. Meine Spülmaschine ist das einzige technische Großgerät, das ich mitnehme. Ihr merkt, Statussymbole sind mir echt wumpe. Übrigens, isch habe gar kein Auto.

Sind Einbauküchen ein deutsches Phänomen?

Scheinbar falle ich mit dieser Einstellung aus der Rolle. Einbauküchen sind des Deutschen A&O (wie erwähnt: NACH dem Auto). Sie sind praktisch und modern. Kurze Wege vereinfachen das Kochen. Die Funktionalität steht im Vordergrund. Aber sind sie auch schön und gemütlich? Mir kommen angesichts dieser hypermodernen Raumschiff-artigen Designs irgendwie Zweifel.

Wie sieht es eigentlich in anderen Ländern aus?: Mich interessiert schon länger, ob die Einbauküche – genau wie Schrankwand im Wohnzimmer und Raufasertapete an den Wänden – ein deutsches Phänomen ist. Deshalb habe ich in den vergangenen Tagen eine weitschweifige Google-Recherche durchgeführt, aber leider nichts Konkretes erfahren.

Einbauküchen, so der Grundtenor, gibt es auch woanders. In Frankreich zum Beispiel. Doch legen die Franzosen ebenso viel Wert auf Funktionalität? –Keine Ahnung. Hier bin ich auf eure Hilfe angewiesen, liebe Expats: Welche Küchen-Design-Erfahrungen habt ihr gesammelt?

Beruhigend: Auch wenn die Umsätze der Küchenhersteller ständig steigen, so sprechen die Google-Suchanfragen doch eine andere Sprache. Weitaus häufiger als nach Einbauküchen wird nach der günstigen Küchenzeile gegoogelt. So sehr scheine ich also doch nicht aus der Rolle zu fallen 🙂


*Im Buch Secondhand-Zeit der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch wird in vielen Geschichten die Küche als Ort einer imaginären Revolution genannt. Hier saß man zusammen, um auf das „System“ zu schimpfen, doch letztlich nichts Konkretes anzupacken.

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