„Ich hasse die Sonne“

Nichts geht übers Zocken: Von meinem vampirhaften Sohn und seinen vampirhaften Freunden

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Computerspiele: Originell ist das Thema nicht. Journalisten und Eltern lassen sich oft und gerne darüber aus. Zumeist sprechen sie dann von einem Problem: Computerspiele lassen Kinder angeblich verwahrlosen, sie werden schlechter in der Schule, isolieren sich und so weiter.

Oft handelt es sich bei den besorgten Erziehungsberechtigten um Erwachsene, die selbst nie mit Computerspielen zu tun hatten. Ich zum Beispiel konnte mich nie fürs Zocken begeistern – und so stellen diese Art von Spielen eine völlig fremde Welt für mich dar. Und Fremdes wirkt bekanntlich erst einmal bedrohlich… (komisch, oder?).

Trotzdem habe ich nichts gegen Computerspiele. Ganz im Gegenteil, ich bewundere, wie lösungsorientiert die Kinder denken müssen, welch kreative Strategien sie entwickeln und wie kooperativ sie vorgehen, wenn sie gemeinsam zocken (und sich dabei gegenseitig neue Tricks und Kniffe beibringen).

Außerdem bin ich völlig von den Socken, wie wunderbar leicht es meinem Sohn fällt, jedes erdenkliche technische Gerät in ein paar Minuten zu studieren, um es danach besser zu beherrschen als ich. Fernseher, Navi, Konsolen, Smartphones, Tablets,… all diese Geräte bedient er wie ein alter Hase. Dabei ist er gerade mal neun. Respekt.

Keine Alternativen: Entweder Konsole oder Langeweile

Was mich allerdings nervt, ist die Alternativlosigkeit, die die Computerspiele erzeugen. Das Lieblingshobby, klar, sind FIFA 16 und Co. Danach kommt lange Zeit rein gar nichts. Bis auf Langeweile.

Gegenwärtig schauen mich Sohnemann und seine Freunde jeden Nachmittag erwartungsvoll an:
„Dürfen wir?“
Meistens lautet meine Antwort „Nein“ und „Geht lieber raus. Die Sonne scheint.“
Darauf sie: „Wir hassen die Sonne.“

Flehende Blicke, hin und wieder sinken sie sogar auf die Knie und betteln! Dabei gibt es gerade im Sommer so viele Möglichkeiten, sich spielerisch zu beschäftigen. Doch nö, das ist halt langweilig, und zwar ALLES.

Da die heutigen Kids über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfügen, akzepieren sie natürlich kein Nein – weder mein Sohn, noch seine Freunde. Letztere haben übrigens selbst keine Konsolen zu Hause und sind deshalb Stammgäste bei uns. Sie sind ja wirklich reizend, diese kleinen Sonnenkönige, die mit gaaanz viel Liebe aufgezogen , denen aber leider nie konsequent Grenzen gesetzt wurden. Mir gehen sie jedenfalls auf die Nerven mit ihrem ewigen „Warum dürfen wir denn nicht spielen?/Wir wollen aber nicht raus!“

Am beeindruckendsten finde ich die Diskrepanz zwischen elterlicher (Traum-)Vorstellung und der kindlichen Realität: Einer der Kumpels meines Sohns steht fast täglich bei uns auf der Matte und will „spielen“. Laut seiner Eltern wird er mal Fußballprofi. Schließlich trainiert er schon seit dem Kleinkindalter und liebt Fußball über alles. Wenn ich allerdings anmerke: „Geht doch zum Sportplatz und kickt ein bisschen!“, schaut er mich an, als sei ich verrückt geworden. An der Konsole gerne, aber in echt?: Bloß nicht!!!

Das Spielen ist ihr höchstes Glück

Unter Zwang springen sie dann doch irgendwann in Nachbar’s Pool oder kicken ein bisschen, aber man merkt: Sie tun es eher leidenschaftslos und in Erwartung eines grande finales. Dieses möge darin bestehen, früher oder später doch noch zocken zu dürfen. Denn nichts geht übers Zocken.

Dass es einfach nichts gibt, das in der Welt der Jungs mit Computerspielen mithalten kann, finde ich höchst befremdlich. Gelangweilt habe ich mich zwar auch als Kind, doch ich fand immer irgendeine Beschäftigung, die mich in ihren Bann zog.

Andererseits: Wenn das Zocken sie glücklich macht und es die Jungs in ihrer geistigen Entwicklung sogar fördert, weshalb sollte ich mir dann Sorgen machen und stets genervt sein? Vielleicht ist es nur eine Generationenfrage. So wie früher VHS-Kassetten verteufelt wurden – und noch viel früher das Lesen von Büchern.

Unbedingt besser als ihre Kinder verhalten sich viele Eltern übrigens nicht: Sie starren stundenlang auf ihr Smartphone oder Tablet. Ihren Kindern hingegen schenken sie kaum Beachtung.

Was meint ihr?

LG Anne!!!

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