Warum Eltern ihren Vorschulkindern Kompetenzen vermitteln

Schon seit Jahren gehen die Freundschaftsbücher in der Kita-Gruppe meiner Tochter von Hand zu Hand. Am liebsten schaut sich mein Kind die Bilder an, die von ihren FreundInnen hineingemalt wurden. Was dort geschrieben steht, kann sie nicht lesen. Ein paar andere Überflieger sind ihr da voraus.

Ja, es gibt sie, die Vier- und Fünfjährigen, die nicht nur ihren Namen schreiben können, sondern sogar schon ihre Adresse! Ach ja, sie zählen natürlich fehlerfrei bis 30, mindestens. Töchterlein hingegen tut sich mit dem Schreiben schwer. Sie hat die unterschiedlichsten Interessen. Malen und den eigenen Namen schreiben gehören nicht dazu. Zählen leider auch nicht.

In meinen Augen ist an ihrer Haltung nichts Ungewöhnliches. Das Kind geht schließlich noch in die Kita, nicht zur Schule. Warum sollte ich also gegen seinen Willen auf einmal Schreiben mit ihm lernen? -Weil es Kompetenzen gibt, die ein Vorschulkind beherrschen sollte, um einen guten Schulstart zu haben. Das behaupten zumindest einige Pädagogen.

Kompetenzen von Vorschulkindern:

  • Schleife zubinden
  • Namen schreiben
  • Stifte halten (Pinzettengriff)
  • mindestens bis 10 zählen
  • Faltübungen
  • Papier schneiden

Dies sind nur einige wenige Kriterien, die zur Feststellung der Schulfähigkeit nachgewiesen werden müssen. Im Internet findest du auch vollständige Listen, zum Beispiel hier>>

Der Nachweis erfolgt in einer Schuleingangsuntersuchung durch das Gesundheitsamt. Auch die Schulleitung, Kita-ErzieherInnen und Eltern werden in die Entscheidung miteinbezogen, ob ein Kind schulfähig ist.

Jedes Kind darf zur Schule gehen. Oder nicht?

Das Kind muss sich folglich als schulfähig erweisen. Was Schulfähigkeit ist, daran scheiden sich allerdings die Geister. Wie lächerlich das Auswahlverfahren ist, zeigt schon die oben stehende unvollständige Liste, denn:

Ist ein Kind etwa nicht bereit in die Schule zu gehen, wenn es sich nicht allein die Schuhe zubinden kann? Darf es nicht in die Schule, wenn es nicht auf einem Bein stehen und balancieren, Fahrrad fahren oder schwimmen kann?

Im Grunde kann man die Schuleingangsuntersuchung als einen Akt der Diskriminierung werten. Die Kinder werden mit einem Label versehen (fähig/unfähig), um danach über ihre Zukunft zu entscheiden: Einige erweisen sich als der Grundschule würdig, einige andere werden aussortiert in den „sonderpädagogischen Förderbedarf“ oder werden zurückgestuft.

Willkommen in der Leistungsgesellschaft

Für beeinträchtigte Kinder ist das sehr, sehr bitter. Doch auch Kinder ohne „Förderbedarf“ bleiben von dieser Entscheidung nicht unbeeinflusst. Sie müssen sich das erste Mal beweisen: Willkommen in der Leistungsgesellschaft!

Macht das etwa Lust auf Schule? -Vorschulkinder erwarten zumindest nicht, in der Schule Spaß zu haben. So hat die Pädagogin Heidi Birkenstock für eine Forschungsarbeit Kita-Kinder befragt: „Was sollten Kinder können, wenn sie in die Schule kommen?“. Still sitzen, auf die Lehrer hören und nicht die anderen Kinder ablenken sind nur einige der genannten Antworten.

Das klingt stark nach vorgefertigten Vorstellungen. Das Recht, anders zu sein, es existiert nur auf dem Papier. Erwünscht sind ausschließlich Kinder, die nicht anecken. Das wissen schon die Kleinsten. Vermittelt wird es ihnen nämlich in der Kita – von engagierten ErzieherInnen, die ihre Schützlinge optimal auf die Schule vorbereiten wollen.

Müssen Vorschulkinder gefördert werden?

Viele Eltern – mich eingeschlossen – sehen sich außerdem gezwungen, ihre Vorschulkinder in Schablonen zu pressen zu fördern. Und was tut man nicht alles?:

  • statt „Lotti Karotti“ wird lieber „Ich packe meinen Koffer“ gespielt
  • statt das Kind frei herumkritzeln zu lassen, wird es ermuntert, sich selbst zu malen („Aber du hast die Arme vergessen! Und die Haare!!! Und was ist mit dem Mund?“)
  • man kauft sog. Vorschulübungshefte und lässt das Kind – was für eine Freude – Linien nachzeichnen
  • musikalische Früherziehung, Kinderturnen, Ergotherapie und Logopädie sind nur einige Termine von vielen, an denen man sein Kind teilhaben lässt.
  • und wer sein Kind ganz doll lieb hat, der schickt es in einen bilingualen Kindergarten, wo es eine Fremdsprache erlernt. Die zahlreichen Vorteile der zweisprachigen Erziehung sind schließlich hinlänglich bekannt und wissenschaftlich belegt. Wer weiß, vielleicht kann sich der Nachwuchs irgendwann sein Studium damit finanzieren, Spanisch Nachhilfe zu geben?

Wenngleich ich übertreibe und viele Eltern auch in der Vorschulphase ihrer Kinder ganz entspannt bleiben, eines kommt doch oft zu kurz: Vertrauen ins Kind zu setzen.

Letztlich sind Kinder doch von Natur aus neugierig und erweitern ihren Horizont eher beiläufig, indem sie sich an Neuem probieren oder nachfragen. Du musst sie gar nicht erst zum Lernen animieren, indem den den Lehrer spielst. Das könnte sogar nach hinten losgehen und deinem Kind die Vorfreude auf die Schule vermiesen. Das wiederum würde sich völlig kontraproduktiv auf den Schulerfolg auswirken, denn nur wer Spaß am Lernen hat, lernt nachhaltig.

LG Anne!!!


classmates with chalk –
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6 Antworten

  1. Tina sagt:

    Liebe Anne!
    Ich gebe dir so recht! Wir haben unseren Strietzi zurückgestellt. Als mich die Erzieherin auf das Thema Rückstellung angesprochen hatte, war ich erst mal entsetzt. Aber dann haben wir (mein Mann und ich) mal in uns gehört, und eigentlich mussten wir nicht lange überlegen. Ja, es würde ihm gut tun. Er ist erst im August 6 geworden. Und zeigte null Interesse an der Schule. Die Vorschule im Kindergarten war ihm ein Graus. Nicht, dass er das alles nicht gekonnt hätte. Aber er hatte einfach keine Lust. Spielen war ihm einfach wichtiger. Auch die Amtsärztin bestätigte uns dann, dass wir lieber noch ein Jahr warten sollen. Ich hatte dann kurz eine Phase, in der ich meinte, ich müsste ihn jetzt fördern. Aber mach‘ das mal bei einem Kind, das nicht will. Also habe ich ihn in Ruhe gelassen.
    Er geht nun in den Schulkindergarten. Wir haben im Ort eine extra Einrichtung für Rücksteller. Und wir sind superglücklich mit dieser Entscheidung. Und Strietzi auch. Er hat sich in den Ferien so darauf gefreut. Dort sind nun lauter Gleichaltrige, also keine 3-Jährigen mehr. Es geht dort nicht darum, der Schule den Unterricht vorwegzunehmen. Es geht hier mehr um Horizonterweiterung. Es werden viele Spaziergänge und Wanderungen unternommen. Fast jede Woche wird ein Ausflug gemacht. Fernsehturm, Museen, … der Schulweg wird geübt … und lauter solche Dinge halt. Und es wird noch ganz viel gespielt. Und ganz nebenbei soll die Selbstständigkeit und auch das Selbstvertrauen gefördert werden.
    Ich finde das großartig. Und ich bin extrem froh, dass das nun so für uns ausgegangen ist. Denn die Schule wäre für ihn noch nichts gewesen.
    Ich hätte weder uns noch unserem Sohn einen großen Gefallen getan, wenn ich ihn auf die Schule gepeitscht hätte.
    Liebe Grüße
    Tina

    • Anne sagt:

      Hey Tina,
      wirklich bewundernswert, wie entspannt ihr mit dieser Situation umgegangen seid! Letztlich seid ihr belohnt worden, euer Sohn fühlt sich so am wohlsten. Ist diese Extra-Einrichtung ein Teil des Kindergartens oder befindet sie sich ganz woanders?
      Ich verstehe nicht ganz, warum die Kita im Vorschuljahr nicht auch all diese Dinge angeboten hat, die dein Sohn jetzt in der anderen Einrichtung in Anspruch nimmt.
      Ich selbst bin echt gespannt, was noch auf mich zukommt in Bezug auf Schuleingangsuntersuchung und weiterer „Werdegang“. Töchterlein scheint sich jedenfalls nicht sonderlich auf die Schule zu freuen – im Gegensatz zu vielen anderen Kindern ihres Alters…
      LG Anne

      • Tina sagt:

        Wenn mir mein Sohn eines beigebracht hat, dann dass nichts so läuft, wie ich mir das vorstelle. 😀 Irgendwann wird man da dann gelassener.
        Die Einrichtung gehört organisatorisch zu Krippe und Kindergarten, ist aber woanders untergebracht.
        Die Vorschule im Kindergarten war ein Witz! Ganz ehrlich. Einmal pro Woche eine Stunde. Da bekamen sie dann Arbeitsblätter mit Schwungübungen und dergleichen. Ich glaube auch, dass sie mit 2-3 betreuenden Personen pro Gruppe und mit der Mischung aus ganz kleinen und Vorschulkindern organisatorisch schon an ihre Grenzen kommen. Da können sie in seiner jetzigen Gruppe schon ganz anders arbeiten.
        Beim Strietzi war das auch so: die anderen Kinder waren schon ganz aufgeregt. Schulranzen kaufen und so. Ich war mit ihm sogar auch schon gucken. Aber er hat nur herumgenölt. „Warum muss ich das jetzt anprobieren?“ Oder wenn ich ihn auf seine Freunde angesprochen habe: „Aber deine Freunde gehen doch alle zur Schule.“ – „Na und? Wir können uns doch trotzdem noch zum Spielen treffen!“
        Jetzt muss ich nur hoffen, dass seine Einstellung zur Schule sich in dem einen Jahr ändert. Aber ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. In den letzten Wochen hat er wieder einen Schub gemacht.
        Zur Eingangsuntersuchung: Es wurde auch die Merkfähigkeit und Ausdrucksweise des Kindes betrachtet. Strietzi sollte sich dann längere Zahlenreihen, die ihm vorgesagt wurden, merken. Oder er sollte erklären wie z.B. Mensch ärgere dich nicht geht. Das waren so die Dinge, die er nicht gut gemacht hat, weil er sich auch nicht konzentrieren konnte/wollte.
        Das wird schon! Bei meiner Mistmatz mache ich mir da zum Beispiel gar keinen Kopf.
        LG, Tina

        • Anne sagt:

          Du hast ja süße & originelle Spitznamen für deine Kiddies 😉 Habe ich noch nie gehört oder gelesen, hihi. Bei mir sind es „Dude“ und „Spatzenliese“.
          Aber zurück zum Thema: Dein Sohn ist glücklich un zufrieden mit der Rückstellung. Insofern hat er davon profitiert.
          Aber ich sehe die Bewertung der Schulfähigkeit trotzdem kritisch. Es gibt ja auch Kinder, die wegen einer Behinderung zum Beispiel nicht auf das (inoffizielle?) Level „schulfähig“ kommen und denen deshalb der Zugang zur Grundschule verwehrt wird. Das aber steht dem Ziel der Inklusion entgegen. Es diskriminiert Kinder, die anders sind. Das wiederum fördert eine gewissen Gleichmacherei.
          Nicht überall! Aber gerade in unserer Kita merke ich, wie mit Schwächen behaftete Kinder kritisch beäugt werden, statt die Vielfalt wenigstens zu tolerieren. Vielleicht bin ich auch etwas überempfindlich.
          Oft geht der Druck auf die Kinder ja auch von den Eltern aus: Eine gute Freundin zum Beispiel hat einen supercleveren Sohn (knapp 5 Jahre alt). Körperlich ist er leider nicht so fit. Er scheut Risiken und klettert deshalb ungern, bewegt sich auch eher langsam und behäbig. Das kann sie überhaupt nicht verstehen, schleppt das Kind zu Turnkursen und zur Ergotherapie, obwohl ihm das keinen Spaß macht.
          Ich denke, dass es Eltern leichter fallen würde, die Schwächen ihrer Kinder zu akzeptieren, wenn die Schuleingangsuntersuchung nicht so bedrohlich wirken würde. Deshalb sollte man sie vielleicht besser abschaffen.
          LG Anne

          • Tina sagt:

            Bayern halt. 😉
            Ja das stimmt. Kinder mit Beeinträchtigung fallen da natürlich hinten runter. Ich muss aber auch zugeben, dass ich mich damit schlichtweg zu wenig auseinandergesetzt habe. Von daher kann ich auch nichts dazu sagen, ob ich es nun richtig oder falsch finde, wie das gehandhabt wird. Das Problem wird halt sein, dass es im derzeitigen Schulsystem einfach keine Zeit (da zu wenig Personal und dadurch zu große Klassen) für diese Kinder gibt. Also müssen sie in spezielle Einrichtungen. Und das ist schade.
            So eine Freundin habe ich auch. Der Sohn ist ein extrem kluger Kopf. Aber er ist halt ein Hänfling. Er wird jetzt auch von Kurs zu Kurs geschleift. Die Eltern trauen ihm nichts zu. Der Vater redet ihm die ganze Zeit ein, dass er sich auch wehren muss. Wenn das nicht mal nach hinten losgeht.
            Ich selbst war jetzt ganz froh um die Eingangsuntersuchung. Weil ich finde, dass ein gewisser Entwicklungsstand erreicht sein muss, um in die Schule gehen zu können. Und da finde ich es ja gut, dass es nicht einfach nur am Alter festgemacht wird. Und ich hatte schon das Gefühl, dass die Ärztin hier jetzt mehrere Aspekte mit einbezogen hatte. Strietzi wäre einer der Kleinsten und Jüngsten gewesen. Und er gehört auch eher zu der Zurückhaltenden Sorte. Sie meinte dann auch, dass er wahrscheinlich total untergehen würde, wenn er da jetzt mit 7-Jährigen (denn auch dieses Jahr sind ja Rücksteller mit eingeschult worden) in eine Klasse kommt. Bei uns wurde zusätzlich auch in der Schule eine Probeunterrichtsstunde mit den Wackelkandidaten gemacht. Unserer hat wohl nach einer halben Stunde angefangen mit dem Klebestift zu reden. Er war nicht mehr aufnahmefähig. Die Ärztin und die Lehrerin und auch die Kindergärtnerin haben sich Zeit für mich genommen.
            Ich persönlich war froh um die Einschätzung weil man als Eltern ja auch alles immer etwas verklärt sieht. Allerdings bin ich jetzt auch keine leistungsorientierte Mutter. Ich werde den Teufel tun und meine Kinder durchs Gymnasium schleifen und zum Studium zwingen.
            LG, Tina

          • Anne sagt:

            Huhu, Tina! 🙂
            Ich hinke immer ein wenig hinterher…
            Alter Falter, da wurde ja RICHTIG Aufwand betrieben: eine Probeunterrichtsstunde!!! Respekt. Da kann man nun wirklich nicht davon sprechen, dass die Entscheidungen bei euch übers Knie gebrochen werden.
            Ich hatte damals in Berlin den Eindruck, dass tatsächlich alles von der Schuluntersuchung abhängt, ob ein Kind für schulfähig erachtet wird oder nicht. Mein Sohn ist nicht zur Kita gegangen, sondern war bei einer Tagesmutter. Weder sie noch ich wurden in den Entscheidungsprozess miteinbezogen. Insofern war/bin ich da kritisch.
            Dank dir weiß ich jetzt, dass man sich anderswo offenbar besser um diese weitreichende Entscheidung sorgt.
            LG Anne

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